Am Dienstag, den 20. Januar kam Immo Sennewald ans OGW. Der Schauspieler und Theaterregisseur verbrachte die erste Hälfte seines Lebens in der DDR und war durch seine berufliche Laufbahn im audiovisuellen Bereich selbst mit der Zensur der DDR konfrontiert, bis er schließlich in den Westen fliehen konnte. Als Zeitzeuge erzählte er von seinen Lebenserfahrungen und beantwortete Fragen der Schülerinnen und Schüler der Klassen 10 bis 12. Dieser Rückblick auf persönliche Erfahrungen eignete sich besonders gut, um eine schmerzhafte Geschichte aus der jüngeren Vergangenheit Deutschlands zu veranschaulichen, die unsere Schüler, die im 21. Jahrhundert geboren sind, hauptsächlich aus dem Unterricht oder aus erfundenen Werken kennen. Darüber hinaus ging es auch darum, die Schüler zum Nachdenken über die Begriffe Meinungsfreiheit, Unsicherheit des Friedens und länderübergreifende Freundschaft anzuregen.
Eingebettet war dieser Besuch in ein größeres Projekt, das im Rahmen eines Schüleraustauschs zwischen OGW-Schülern des bilingualen Zugs der 10. Klassen und einer "Seconde" des Lycée Mermoz in Saint-Louis stattfand. Dieses Projekt sollte den Schülern die konkrete Realität der Berliner Mauer und deren Auswirkungen auf die ostdeutsche Gesellschaft seit ihrer Errichtung im August 1961 näherbringen. Zunächst stand ein gemeinsamer Kinobesuch im Rahmen des Festivals "Augenblick" in Saint-Louis auf dem Programm, bei dem die Schüler gemeinsam den Film "In einem Land, das es nicht mehr gibt" von Aelrun Goette anschauten und anschließend miteinander analysierten und diskutierten. Der Film ermöglichte den Jugendlichen Einblicke in das Leben in Ostdeutschland sowie in die Sehnsüchte der dortigen Jugend nach einem Leben in Freiheit.
Der Besuch von Immo Sennewald stellte dann den zweiten Schritt in diesem umfassenden Projekt dar. Die beteiligten Schüler des Lycée Mermoz waren hierbei am OGW zu Gast und konnten den Zeitzeugenbericht live miterleben.
In einem dritten Schritt sollen die Schüler dann noch eine Zusammenfassung über die Gedenkmauer des Lycée Jean-Mermoz erstellen, beispielsweise in Form eines Berichts über den Austausch mit dem Zeitzeugen sowie Arbeiten von Schülerinnen und Schülern aus der deutsch-französischen Zusammenarbeit nach dem Film „In einem Land, das es nicht mehr gibt“. Diese abschließende Aufgabe (auf die weitere Beiträge für andere Projekte folgen werden) wird somit dazu beitragen, die lebendige und dynamische Zusammenarbeit zwischen OGW und dem Lycée Mermoz bzw. die grenzüberschreitende und europäische Dimension beider Schulen hervorzuheben.
Immo Sennewald
Nach dem Abitur in Suhl (Thüringen) absolvierte Sennewald ein Physikstudium an der Humboldt-Universität in Berlin. Anschließend erhielt er eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Sennewald hatte neben seinem Studium seit Anfang der 1970er-Jahre in Theateraufführungen der Berliner Volksbühne und von Shakespeares "Leben und Tod König Richard III." (Deutsches Theater Berlin) als Komparse mitgewirkt und dort Bekanntschaft mit kritischen Regisseuren, Autoren und Schauspielern gemacht, die ihn zum Berufswechsel bewogen. Als 1974 das Institut für Schauspielregie in Berlin gegründet wurde, schrieb er sich für ein Regiestudium ein. 1979 beendete er dieses mit dem Abschluss als Diplom-Schauspielregisseur. Danach wurde er am Theater in Schwedt an der Oder engagiert. Er verließ das Theater wegen anhaltender Eingriffe der Staatssicherheit, gründete die erste und einzige freie Theaterproduktion der DDR, war freiberuflich als Regisseur und Schauspieler an Theatern, im Funk, Film und Fernsehen, als Rundfunk- und Synchronsprecher, Dozent für Schauspiel an der Hochschule für Schauspielkunst und als Autor in Berlin tätig, bis 1984 ein Berufsverbot seine Arbeit unterdrückte. Im März 1989 wurde ihm die Ausbürgerung und Übersiedlung in die Bundesrepublik Deutschland genehmigt.
(Quelle: https://www.zeitzeugenbuero.de/zeitzeugensuche/zeitzeuge/sennewald-immo)